Wilde Pferde

Alltägliche Gewalt an Pferden und wie man daraus ausbrechen kann

Bilder von den olympischen Sommerspielen in Tokio gehen um die Welt und in Bezug auf den "Pferdesport" wieder einmal nicht im positiven Sinne. Hier zeigt sich auf einer breiten Skala die grobe Gewalt an Pferden. Pferdemenschen und auch andere Zuschauer sind fassungslos. Aber auch viele Stimmen für diesen Sport sind zu hören. Viele der genannten Argumente sind, in meiner Wahrnehmung, Ausreden. Aber mir ist klar, dass es viele Menschen gibt, die nicht so fühlen wie ich. Eventuell durch finanzielle Abhängigkeiten, Ängste, Traumata oder tief sitzende, negative Glaubenssätze. Auch um diese menschlichen Themen soll es in diesem Artikel gehen.

Nun bin ich selber keine Aussteigerin aus dem "Spitzensport", sondern eine ehemalige Freizeitreiterin und Trainerin in diesem Bereich. Und daher möchte ich meinen Fokus heute auf die alltäglichen Momente legen, in denen psychische oder physische Gewalt an Pferden leider immer noch ganz normal ist. Es geht dabei nicht darum dich oder andere zu verurteilen! Denn dann würde ich dies mit mir selber auch tun. Ich habe viele dieser Situationen nicht nur selber beobachtet und sehe sie immer noch Tag für Tag, sondern manches habe auch ich früher getan. Einfach, weil ich keine anderen Wege kannte.


Hier ein paar Faktoren, die ich heute unter Gewalt einstufe (kein Anspruch auf Vollständigkeit).


Psychische Gewalt bzw. Stress:

  • Anschreien, damit sich das Pferd anders oder schneller bewegt

  • degradierende Namen (Spitznamen)

  • mit dem Schlachter drohen (wenn auch nicht ernst gemeint)

  • Sporen/Gerten tragen, ohne sie (aktuell) einsetzen zu müssen, weil das Pferd nur so kooperiert

  • Mit dem Pferd auf Veranstaltungen fahren (vermehrt mit Stress verbunden)

  • Das Nein des Pferdes immer wieder übergehen

  • Dem Pferd mit Objekten Angst machen, damit es sich bewegt

Physische Gewalt bzw. Stress:

  • An den Zügeln ziehen (mit Gebiss oder gebisslos)

  • Am Strick ziehen, reissen und damit schlagen

  • Mit Gerten, Peitschen etc. touchieren bis schlagen

  • Es gibt keine klare Definition, wann es Schlagen ist.

  • Das Pferd mit der Hand schlagen, vor allem ins Gesicht (vor allem auf die Nase)

  • Sich vom Pferd tragen lassen, obwohl es ihm schadet oder auf längere Sicht schaden kann (weiterführender Artikel dazu: Warum wir mit dem Reiten aufhören)

  • Unpassende Ausrüstung (Sattel, Zäumung jeglicher Art etc.)

  • Zu lange Intervalle bei der Hufbearbeitung

  • Mangelhafte Zahngesundheit

  • Das Bein bzw. den Huf des Pferdes mit Druck aufnehmen (ziehen, kneifen etc.)

All dies und wahrscheinlich noch mehr, passiert auf den Höfen überall auf der Welt. Es ist leider immer noch sehr normal. Denn wir fordern von Pferden oft Dinge, ohne sie wirklich miteinzubeziehen. Das liegt jedoch auch an unserer eigenen Konditionierung und unserem Lebensweg mit Traumata in Form von festsitzenden Emotionen.


Meist bereits im Kindesalter wird unsere Wahrnehmung zu Gunsten des Sport verschoben, weg von den eigenen Bedürfnissen und den der Pferde. Beispiele hierfür sind:

  • Vom Pferd fallen und umgehend wieder aufsteigen müssen (unterdrückte Emotionen)

  • Aussagen wie ...

  • "Das tut dem Pferd nicht weh."

  • "Schau mal wie Pferde miteinander umgehen. Da kannst du ruhig auch mal mit der Gerte hauen."

  • "Du musst ihm zeigen wer der Boss ist. Ein Pferd braucht einen Alpha. Du musst führen."

  • "Das Pferd hat dieses oder jenes nicht zu tun." (vermeintlich "respektloses" Verhalten)

Egal was ist es, wir vergraben mit der Zeit immer mehr einen Teil unserer Gefühle, fühlen sie dann nicht mehr richtig. So fangen wir an vieles persönlich zu nehmen. Dies sorgt dafür, dass wir bewusst oder unbewusst Stress empfinden und dann wieder entsprechend handeln und mit dem Pferd gewaltvoll umgehen. Mir ist es so ergangen. Und dies in praktisch allen gängigen Ausbildungssystemen. Bei der positiven Verstärkung nicht in der Form, aber teils auf andere Weise manipulierend. Es sind übliche Systeme, damit wir bekommen was wir wollen. Damit das Pferd tut, was wir wollen. Weil wir denken, dass sonst das Zusammenleben gefährlich wird. Und weil wir mitunter eben nicht einsehen wollen, dass das Pferd freiwillig bei gewissen Aktivitäten nicht mitmachen möchte.


Aber wie oben bereits erwähnt gibt es Auswege aus diesem Kreislauf. Wir können wieder fühlen lernen, uns den tiefen Emotionen stellen, z.B. durch eine Emotionstherapie und achtsame Beobachtung des eigenen Verhaltens. Wir können damit anfangen Pferde für eine Zusammenarbeit zu fragen und die Unterschiede zwischen Ja und Nein zu erkennen. Wenn du spürst, dass ein anderer Weg auf dich und dein Pferd wartet und du dich nach einer friedvollen Beziehung sehnst, dann helfe ich dir gerne in diesem Prozess. Ich habe mich selber im 2020 bewusst für einen anderen Umgang mit Pferden entschieden und spüre im gesamten Leben die positive Veränderungen.


Die Bilder der ausgenutzten und misshandelten Pferde auf Turnierveranstaltungen sind wichtig zu beachten. Wir können hier bedeutende Veränderungen bewirken. Aber in erster Linie beginnt die Veränderung bei uns, in unserem eigenen handeln und fühlen. Denn dies verändert maßgeblich das Leben der Pferde und anderer Lebewesen in unserer Nähe. Wir sind die Veränderung. DU bist der Wandel!