Wilde Pferde

Unsere Hauspferde sind zu gutmütig

Viele unserer Hauspferde sind durch Zucht und Konditionierung viel zu gutmütig. Warum zu viel? Weil oft ihre Gesundheit, körperlich wie mental, darunter leidet. Es geht in diesem Artikel darum aufzuzeigen, wo man sich mehr achten und seine Ansprüche und Forderungen verändern kann.

Pferde sind zu gutmütig

Beginnen wir bei mir selber, denn ich habe in der Vergangenheit Dinge mit Pferden getan, für die ich mir auch heute noch aktiv vergeben muss. Natürlich ist es so, dass ich es nicht besser gewusst habe und andere Menschen in meinem Umfeld auch nicht. Doch es tut mir heute wirklich sehr leid, was es in vielen Pferden womöglich ungewollt ausgelöst hat. Meine Gedanken und Rechercheergebnisse zu Thema Reiten kannst du hier nachlesen: Warum wir mit dem Reiten aufhören

Kompliment Pferd

Auf dem Foto sieht man mich mit einem meiner früheren Pflegepferden. Ich habe das Pferd und den beteiligten Menschen aus Schutz der Privatsphäre unkenntlich gemacht. Hier haben wir mit der Stute geübt, dass sie mit dem Reiter zusammen ins Kompliment geht. Die Zirkuslektion des Kompliments ist zwar etwas, was Pferde in ähnlicher Form zum Beispiel im Spiel zeigen, aber nicht in der Intensität, in der wie es von ihnen fordern. Und vor allem nicht mit zusätzlichem Gewicht auf dem Rücken. Die Belastung der beteiligten Strukturen ist enorm und aus therapeutischer Sicht für mich heute nicht mehr zu rechtfertigen.


Je mehr ich über den Pferdekörper lerne desto klarer wird mir, was wir zu unserem Vergnügen alles von ihnen fordern, selbst wenn wir im Grunde ja nur das Beste für sie wollen. Durch unsere Konditionierung, hier am Beispiel mit Futter, gehen sie über ihre Grenzen hinweg. Wir bringen sie dazu Dinge für uns zu tun, die oft nicht in ihrem besten Interesse sind.


Unsere Hauspferde machen sehr viele Dinge mit uns, die ihnen nicht gut tun, oder die ihnen sogar Schmerzen bereiten. Ein extremes Beispiel dafür habe ich gestern in Form eines Videos gesehen. Leider kann ich euch dieses nicht zeigen, aber alle meine Ausbildungskolleginnen aus der manuellen Pferdetherapie und ich waren geschockt und sprachlos. Das Pferd hatte einen Knochenbruch, der zum Zeitpunkt der Videoaufnahme noch nicht diagnostiziert war. Es lahmte stark, obwohl Lahmheit ein fast zu kleiner Begriff dafür ist. Das Pferd konnte seine Hinterbeine kaum mehr richtig heben. Der Behüterin wurde offenbar vom behandelnden Therapeuten und Tierarzt empfohlen das Pferd zu longieren, um dadurch eine Verbesserung des Gangbildes zu erzielen. Nach mehreren Wochen (!) war der Zustand aber immer noch nicht besser und auf Raten durch eine andere Therapeutin wurde ein Röntgenbild gemacht. Auf diesem wurde der Knochenbruch diagnostiziert. Eine ganzheitliche Therapie bedeutet für mich immer die Einbeziehung weiterer Experten in die Behandlung. Ein Osteopath oder anderer manueller Therapeut kann keinen Knochenbruch, keine Hufrotation und auch keine Arthrose diagnostizieren. Dafür braucht es eine bildgebende Diagnostik, wie sie von spezialisierten Tierärzten durchgeführt werden kann.


Drei Punkte sind bei dem beschriebenen Fall für mich besonders erschreckend:

  • Es hat viel zu lange gedauert, bis die richtige Diagnose gestellt wurde

  • Es wurde ein Longieren empfohlen, obwohl das Pferd schon kaum geradeaus gehen konnte

  • Das Pferd hat das Longieren über sich ergehen lassen

Und auch wenn alle Punkte wichtig sind, und vielleicht sogar noch weitere, so ist der letzte für mich besonders bedeutend. Denn wenn sich ein Pferd, dass unter extremen Schmerzen leiden muss, nicht gegen ein Training wehrt, was ist dann erst in anderen Fällen? Es gibt Pferde, die bei Schmerzen sehr empfindlich reagieren und ihren Zustand zum Ausdruck bringen. Andere leiden weiter stumm. Dies ist individuell sehr unterschiedlich und hängt teilweise vom Grad der erlernten Hilflosigkeit ab. Erlernte Hilflosigkeit entsteht dann, wenn der Mensch die Meinung und die Bedürfnisses des Pferdes übersieht oder bewusst übergeht und das Pferd dadurch lernt, dass es keinen Ausweg aus der Situation gibt. Es ergibt sich daher seinem Schicksal und widerspricht nicht. Ich möchte aber betonen, dass es hier verschiedene Stufen gibt. Komplett abgelöschte, roboterartige Pferde sind die extremste Form der erlernten Hilflosigkeit. Doch es gibt sehr viele andere Stufen davor. Pferde in einer Trageerschöpfung, die weiterhin geritten werden und sich nicht wehren, befinden sich auch in einem solchen Zustand. Aber auch Jungpferde, die mit 3 Jahren oder noch früher zu Leistungen gebracht werden. Dies nur um ein paar Beispiele zu nennen.


Hauspferde sind in aller Regel viel zu gutmütig, weil sie so sozial sind und sich ihrem Menschen verbunden fühlen. Sie suchen nach Harmonie und Verbindung, ebenso wie wir eigentlich auch. Aber unser Ansatz wie wir üblicherweise mit ihnen umgehen, übergeht viele ihrer grundlegenden Bedürfnisse. Sei es, weil es körperliches Unwohlsein oder gar Schmerzen hervorruft, oder weil das Pferd nicht nach seiner eigenen Meinung gefragt wird. Mir ist bewusst, dass wir in unserer westlichen Welt hier sehr privilegiert sind, dass wir uns über diese Dinge Gedanken machen können. Aber nur, weil es anderswo auf der Welt noch schlimmer für Pferde ist, rechtfertigt es übergriffiges Verhalten gegenüber Pferden und anderen Lebewesen nicht. Denn nur, weil es in anderen Teilen der Weilt noch menschliche Sklaven gibt, dulden wir diese Praxis hier bei uns nicht länger. Und das ist absolut gut und richtig so. Daher sollten wir auch bei den Pferden aufhören zu sagen, dass es manchen irgendwo schlechter geht und stattdessen hinschauen, was man mit Pferden tun sollte, was nicht und wo wir ihren persönlichen Bedürfnissen noch mehr Raum geben müssen.


Wenn ein Pferd, wie das mit dem Knochenbruch, sich trotzdem weiter longieren lässt, dann müssen wir uns zwingend fragen was andere Pferde für uns tun, obwohl es ihnen nicht gut tut. Und damit meine ich auf der körperlichen, wie auf der emotionalen Ebene. Ich glaube wir stehen am Anfang einer weiteren grossen Veränderung zum Wohle der Pferde. Es hat in unserer Geschichte bereits mehrere solcher Veränderungen gegeben und nun ist es an der Zeit für den nächsten Schritt. Ich habe bereits notwendige Veränderungen unternommen, um Pferden in ihren Grundbedürfnissen noch gerechter werden zu können. Dabei ist mein Motto nicht einfach ein bisschen weniger Unbehagen und Schmerz, auch das wieder körperlich wie mental betrachtet, sondern so wenig wie möglich. Daher habe ich auch mit dem Reiten aufgehört. Aber ich weiss, dass du für diesen Schritt womöglich nicht bereit bist. Das ist in Ordnung so. Wo dein Weg hinführt, ist allein deine Entscheidung!


Auf deiner persönlichen Reise kannst du dir aber folgende Fragen stellen:

  • Warum möchte ich, dass mein Pferd eine bestimmte Übung kann?

  • Ist es meinem Pferd auf allen Ebenen dienlich?

  • Wie viel muss ich manipulieren, damit mein Pferd dies für mich macht?

  • Würde mein Pferd dies auch tun, wenn ich ihm die freie Wahl gebe?

  • Muss mein Pferd dies können?

  • Was braucht mein Pferd für ein erfülltes Leben?

Diese und ähnliche Fragen können dir dabei helfen, die Gutmütigkeit deines Pferdes nicht überzustrapazieren. Unser Hobby mit Pferden zusammen zu sein ist etwas so wunderschönes und bereicherndes. Doch da wir es mit einem fühlenden und denkenden Lebewesen zu tun haben, ist unser Feingefühl besonders gefragt. Die Geschichte hat gezeigt, dass wir Pferde zu fast allem bringen können. Die wichtige Frage ist einfach, ob wir es weiterhin sollten.