Wilde Pferde

Warum wir mit dem Reiten aufhören

Aktualisiert: Aug 14

Für uns beide (Kristina Gau Hiltbrunner und Fenja Königsmann) hat sich in den letzten Wochen und Monaten einiges verändert. Wir sind beide immer noch überrascht über alles, was in der letzten Zeit passiert ist. Kristina hatte auf ihrem Blog bereits zwei kritische Artikel über das Thema Reiten veröffentlicht und einen Vortrag über das Reiten in Intervallen gehalten. Für sie änderte unser gemeinsames Sonntagsgespräch dann alles. Nachfolgend möchten wir euch an unseren Erkenntnissen und Gedanken teilhaben lassen.

Videos:

Reiten Teil 1: Schadet Reiten dem Pferd

Reiten Teil 2: Sollten wir mit dem Reiten aufhören?

Riding English Version: Should we stop riding our horses?


Warum wir mit Reiten aufhören

Kristina

Zu diesem Zeitpunkt reite ich seit gut 25 Jahren. Ich zähle mich zu den mutigen Reiterinnen, habe keinerlei Angstgefühle auf ein Pferd zu steigen. Ich bin Dressur und Springen geritten, war Westernreiterin und berittene Bogenschützin. Ich habe viele Ausritte gemacht und Trailübungen absolviert, mich in verschiedenen Reitweisen weitergebildet und bin auf Freizeitturnieren gestartet. Ich bin verschiedenste Pferderasse geritten und auch die Pferde meiner Kunden. Also zusammengefasst, Reiten ist ein großer Teil in meinem Leben. Ich liebe das Gefühl, die Kraft und Leichtigkeit.

In den letzten Monaten ritt ich dann schon nur noch in kurzen Intervallen, um den Pferderücken zu schonen und vor Überlastung zu schützen. Und eigentlich hatte ich alles Wissen vor meiner Nase. Aber es ging mir, wie wohl den meisten Pferdemenschen darum, die bestmöglichen Bedingungen für das Pferd zu schaffen, damit wir es reiten können. In meinem Artikel "Ist Reiten schädlich für das Pferd" erwähnte ich Informationen über den Druck auf das Gewebe. Dies war mit ein Auslöser für das Reiten in Intervallen. Doch ich muss eingestehen, dass ich mir die Zahlen eben nicht genau genug angesehen habe.


Fenja

Seit gut 18 Jahren sind Pferde nun ein großer und wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich bin für mein Leben gern geritten und war oft diejenige, die die ‘schwierigen’ Fälle an die Hand bekommen hat, da ich damals, wie Kristina, zu den mutigen Reitern gehörte. Auch ich bin Dressur und Springen geritten, war auf vielen Ausritten und habe diese zum Teil auch in größeren Gruppen als Betreuerin geführt. Ich habe das Reiten geliebt – das Gefühl sich mit diesem großen, starken Wesen zusammen zu bewegen. Niemals hätte ich erwartet, dass ich mich irgendwann vom Reiten abwende; dafür war es für mich viel zu wichtig.

2014 bekam ich dann mein erstes eigenes Pferd; eine Stute namens Garzi. Sie hat für mich ganz neue Welten eröffnet und mein Reiterleben komplett auf den Kopf gestellt. Anfangs habe ich noch ganz klassisch mit ihr gearbeitet und habe mir nichts weiter dabei gedacht. Ich wollte besser werden und weiterkommen. Garzi war da anderer Meinung. Und das hat sie mich in den ersten 2 Jahren zunehmend deutlicher spüren lassen. Das war damals sehr frustrierend für mich und ich habe überall nach Antworten gesucht. Ich hatte Physiotherapeuten, Osteopathen, Sattler, Chiropraktiker und Tierärzte da, um herauszufinden, was bei meiner Stute nicht stimmte, damit ich endlich meine Ziele weiterverfolgen konnte.

Für kurze Zeit wurde es dann oft auch ein klein wenig besser, aber nichts half auf Dauer bis ich endlich anfing Garzi wirklich zuzuhören und nicht die Antworten anderswo zu suchen. Sie war es, die mich Schritt für Schritt, Tag für Tag auf einen anderen Weg gebracht hat. Dieser Weg formte sich immer weiter zu einem viel friedlicheren, feineren Weg mit Pferden, wo die ehrliche Kommunikation auf Augenhöhe an erster Stelle steht. Bis Mitte 2019 beinhaltete das auch noch ab und zu das Reiten, aber je mehr ich gelernt habe Garzi’s Sprache zu verstehen, desto weniger bin ich geritten – es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an. Damals hatte ich jedoch nicht die Zahlen, die meine Entscheidung mit dem Reiten aufzuhören mit Fakten untermauerten. Vor ein paar Wochen war ich mir noch nicht sicher, ob das Reiten, anders aufgebaut, vielleicht irgendwann wieder Teil meines Lebens werden würde. Kristina’s und meine Recherchen machten es für mich jedoch unausweichlich, das Reiten gänzlich aus meinem Leben zu streichen.

Während beziehungsweise nach unserem besagten Gespräch begannen wir noch einmal genauer zu recherchieren. Und wir mussten feststellen, dass alle Pferdeprofis, Tierärzte und Wissenschaftler den gleichen Ansatz wie wir verfolgten: Das Pferd vor Schäden bewahren. Wir haben lange gedacht, wenn wir eben diese Ratschläge von bekannten Trainern und Pferdespezialisten beachten, dann werden wir unseren Pferden durch das Reiten eher sogar helfen und sie gesund erhalten. Aber es waren eben diese wissenschaftlichen Studien, die unsere Meinungen zum Reiten grundlegend änderten.


Die Schweizer Rückenstudie

In dieser umfangreichen Studie, die 2019 veröffentlicht wurde, wurde die Rückengesundheit von gerittenen Pferden in der Schweiz analysiert. Es nahmen 248 Pferde an dieser Studie teil.

  • 33% der Studienpferde zeigen Symptome von Rückenschmerzen

  • 32%-52% der Pferde (je nach Lokalisation, HWS, BWS, LWS, ISG) haben radiologische und/oder ultrasonographische Befunde

  • 40% der Pferde sind deutlich geringgradig lahm

  • 90% der Sättel weisen bei der manuellen Satteluntersuchung 1 oder mehrere Passformmängel auf

Oder noch spezifischer:

  • Wirbelgelenkarthrose: HWS: 52% der Pferde mit Grad ≥ 2 !

  • BWS, LWS: 38% der Pferde ≥ Grad 2

  • Kissing spines: 45% der Pferde ≥ Grad 2

  • Veränderungen im Iliosakralgelenk: 32% der Pferde ≥ Grad 2

Es konnte dabei nicht direkt identifiziert werden, dass Schmerzen mit Rittigkeitsproblemen einhergehen. Das deckt sich mit unseren eigenen Beobachtungen. Und obwohl es auch klinisch gesunde Pferde gab, sind dies erschreckende Zahlen.

Als Kristina die Studie das letzte Jahr las dachte sie aber, das betrifft sie bzw. ihr Pferd nicht, obwohl sie ihn neunjährig mit offensichtlichen Rückenprobleme kennenlernte. Aber sie war davon überzeugt, dass sie ihn auch reitend bestmöglich fördern konnte. Denn sein Rücken wurde mit der Zeit stärker und er heilte zu einem Teil auch seelisch.

Fenja hatte auch schon von einigen Studien gehört, sah sich aber auch nicht in der Verantwortung daraufhin etwas zu ändern.

Eine Zusammenfassung der Studie kann in diesem Dokument nachgelesen werden: